Gute Nachbarschaft: Das Gemeinwohlparlament Leipzig startet im Juni ins Parlamentsjahr 26/27
von Simone Liss | 07.05.2026
von Simone Liss | 07.05.2026
Leipzig soll die Hauptstadt des Gemeinwohls werden. Eine kühne Vision von Timo Meynhardt. Sein Zukunftsbild kommt nicht von ungefähr: In Leipzig ist Gemeinwohl an vielen Stellen bereits Gegenwart.
Gemeinsam Gutes tun: Ob bei Pflanzaktionen, Foto-Spaziergängen oder Stricknachmittagen - alles Momente gemeinschaftlicher Kraft, die etwas in Bewegung setzen.
Gemeinsam Gutes tun: Ob bei Pflanzaktionen, Foto-Spaziergängen oder Stricknachmittagen - alles Momente gemeinschaftlicher Kraft, die etwas in Bewegung setzen.
Prof. Dr. Timo Meynhardt
Leipzig soll die Hauptstadt des Gemeinwohls werden – so wie Hollywood die Capitale der Filmindustrie ist. Nicht als Marketingidee, sondern als erkennbares Stadtprofil: Wer „Leipzig“ hört, soll an eine Stadt denken, die das Gemeinsame organisiert. Das ist das Ziel von Prof. Dr. Timo Meynhardt (53). Er ist Vorsitzender des Leipziger Forums Gemeinwohl und hat den GemeinwohlAtlas und den Runden Tisch Gemeinwohl Leipzig mitbegründet. Meynhardt ist Inhaber des Dr. Arend Oetker-Lehrstuhls für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL Leipzig Graduate School of Management sowie Managing Director des Center for Leadership and Innovation in Society an der Universität St. Gallen. Meynhardt ist in Rudolstadt geboren, lebt in Jena und arbeitet in Leipzig.
„Gerade hier im Osten ist die Erfahrung tief eingeschrieben, dass Zukunftsvisionen schnell überholt sein können – und wie gefährlich es sein kann, die Welt von einer fernen Zukunft her zu denken. Das aber schärft den Blick für das, was wirklich gestaltbar ist: die unmittelbare Gegenwart“, sagt Meynhardt. „Deshalb habe ich eine Gegenwartsvision: eine Vision neuen Typs, die utopische Energie nicht in Fernziele auslagert, sondern mit voller Kraft ins Heute lenkt – pragmatisch und an Idealen orientiert, illusionsfrei gegenüber dem Menschen, wie er ist.“
Die Leipziger seien Gegenwartsvisionäre und zeigten das allerorts mit Ideen und Tatkraft, die heute schon wirkten. Ein gegenwartsvisionäres Element ist im vergangenen Jahr hinzugekommen. Am 5. Dezember saßen im Ratssaal nicht die Gewählten auf den Stühlen der Stadträte, sondern Bürgerinnen und Bürger: 120 von knapp 400 Mitgliedern des Gemeinwohlparlaments Leipzig kamen zur ersten Sitzung zusammen. „Es war ein neuer Moment gemeinschaftlicher Kraft, der etwas in Bewegung setzt. Nach Debatte und Abstimmung wurden 13 gemeinnützige Projekte mit insgesamt 55.000 Euro gefördert. Am Ende herrschte Einigkeit: Das soll 2026 fortgesetzt werden.“
„Meine Vision ist Leipzig als Hauptstadt des Gemeinwohls – aber eben nicht als ferne Utopie. Sondern als konkrete Gegenwart, die erfahrbar wird: Gemeinwohl entsteht, wenn Menschen sich zusammentun, Verantwortung übernehmen und Demokratie mitgestalten. Es geht mir um eine Alltagskultur, in den Entscheidungen nicht nur ,richtig‘ wirken, sondern so zustande kommen, dass die Menschen sich als Teil eines gemeinsamen Ganzen erleben.“
Im Ratssaal war am 5. Dezember davon etwas greifbar: Kinder neben ihren Müttern und Vätern, Vereinsmitglieder neben ehemaligen Bürgerrechtlern, Rentnerinnen neben Wissenschaftlern, Unternehmerinnen neben Politikerinnen. Sie begegneten sich auf Augenhöhe als Bürgerinnen und Bürger derselben Stadt, um Leipzig mitzugestalten.
Handlungsfähig bleiben
„Viele Menschen möchten sich einbringen, aber nicht unbedingt über Parteien oder Verbände; sie suchen zeitgemäße Wege. Gleichzeitig wachsen Unsicherheit und Zukunftsangst – Klimawandel, geopolitische Krisen, technologischer Umbruch durch KI. In solchen Zeiten können große Versprechen einlullen – oder spalten, wenn sie brechen. Gegenwartsvisionäre widerstehen dieser Verführung. Sie konzentrieren sich auf den Moment, sind mutig genug, Unsicherheit auszusprechen, und fähig, Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart pragmatisch zu verbinden.“
Lebenswerter werde Leipzig nicht, wenn alle einer Meinung wären, sondern weil man handlungsfähig bleibe: respektvoll, informiert und verbindlich. „Aus diffusem Unbehagen wird konkrete Arbeit am Gemeinsamen. Eine Sitzung verändert noch keine Einstellungen – aber sie macht etwas mit uns: sie verunsichert ein wenig, ermutigt ein Stück und weckt Hoffnung. Und sie knüpft an eine Leipziger Tradition an, die nicht nostalgisch, sondern zukunftstauglich ist: an bürgerschaftliche Mitbestimmung von den Runden Tischen 1989/90 bis zum Leipziger Spendenparlament der 1990er Jahre.“
Wie lässt sich die Vision umsetzen?
Meynhardt geht es darum, mit einer Gegenwartsvision Schritt für Schritt die Wirklichkeit zu bauen. „Der im Gehen entstehende Weg“ sei bewusste Methode, nicht Ausrede. „Das Gemeinwohlparlament ist für mich deshalb eine gelebte Realutopie: utopisch im Anspruch, real in der Wirkung – ein zartes Pflänzchen bürgerschaftlicher Identität, das Pflege, Schutz und Mut zum Wachsen braucht. Konkret heißt das: Es muss größer werden dürfen – mit starken Verbindungen in die Stadtgesellschaft hinein. Es schafft Räume, in denen Austausch stattfindet und Menschen ihren ,inneren Demokraten‘ treffen: staunend, skeptisch, berührt, herausgefordert.“
Am Ende bleibe für Meynhardt die Leitfrage: „Was könnte sein, wenn es gut wäre? Meine Antwort lautet: Leipzig kann zeigen, dass Gemeinwohl eine konkrete Gegenwart ist, die Schritt für Schritt in die Zukunft führt.“