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Ein Herz fürs Herz: Wie Leipzigs Herzretter Kinder ermutigen, im Ernstfall selbst Leben zu retten

von Simone Liss | 07.05.2026

Auch Kinder können Leben retten. Davon ist Paul Lederer überzeugt. Der Theaterpädagoge ist für die Herzretter Leipzig im Einsatz und bringt Kindern und Schülern spielerisch Erste-Hilfe-Maßnahmen bei. Was dieses Engagement mit Gemeinwohl zu tun hat, und warum im Notfall jeder helfen darf und kann, lesen Sie hier.

Erste Hilfe ist eine praktische Form der Zivilcourage und ein fundamentaler Beitrag zum Gemeinwohl. Erste Hilfe verwandelt das bloße Hinsehen in aktives Handeln, um Menschenleben zu retten.

Erste Hilfe ist eine praktische Form der Zivilcourage und ein fundamentaler Beitrag zum Gemeinwohl. Erste Hilfe verwandelt das bloße Hinsehen in aktives Handeln, um Menschenleben zu retten.

Seit 2019 bringt der Verein Herzretter Leipzig Reanimationstrainings an Leipziger Schulen und Kitas – kostenfrei, altersgerecht und mit großer Wirkung.

Seit 2019 bringt der Verein Herzretter Leipzig Reanimationstrainings an Leipziger Schulen und Kitas – kostenfrei, altersgerecht und mit großer Wirkung.

Clara Bernd liegt am Boden und regt sich nicht. Paul Lederer greift seiner Übungspuppe beherzt an die Schultern, rüttelt sie und spricht sie laut und deutlich an: „Clara? Frau Bernd? Hallo? Hören Sie mich?“ Keine Reaktion. Clara gibt kein Signal. Stille im Raum 316 – dem Ethik-Raum der Grundschule am Auwald. Die Schüler der Klasse 4a sind verdutzt: Paul Lederer simuliert zwar einen Ernstfall, doch seine Aufregung, seine Angst, seine Unsicherheit kann man hören, sehen, fühlen. Die Kinder spüren den Ernst der Lage. Claras Haut ist blass, ihre Lippen sind nicht mehr so rot wie sonst, ihre Arme sind schlaff. Jetzt zählt jede Minute.

Einen Jungen hält nichts mehr auf dem Stuhl: Richard* greift zum imaginären Smartphone und wählt den Notruf 112. Aus dem Effeff sprudeln seine Informationen: wo er sich befindet, was passiert ist, wer betroffen ist, in welcher Lage sich Clara Bernd befindet. Richard hat Mühe, ruhig zu bleiben und deutlich zu sprechen. Doch er schafft es. Paul Lederer spricht ihm Mut zu: „Auch wenn Du das Bedürfnis hast, Clara zu bewegen, ihr irgendwie zu helfen – erst gilt es, den Rettungsdienst zu informieren.“  

Rufen, Prüfen, Drücken, Schocken

Paul Lederer zeigt Richard, wie man mit dem eigenen Gewicht das Brustbein und den Brustkorb von Clara so zusammendrückt, dass man mit seinen eigenen Händen die Pumpfunktion des Herzens ersetzen kann.

Paul Lederer zeigt den Schülern, wie man mit dem eigenen Gewicht das Brustbein und den Brustkorb von Clara so zusammendrückt, dass man mit seinen eigenen Händen die Pumpfunktion des Herzens ersetzen kann.

Im Durchschnitt braucht der Rettungswagen in Leipzig zwölf Minuten, um vor Ort zu sein, „manchmal auch zwanzig Minuten“, sagt Paul Lederer. „Was ist unser wichtigstes Organ?“, fragt der 47 Jahre alte Theaterpädagoge in die Runde. Die Schüler rätseln: Herz? Lunge? Gehirn? Hannah* trifft‘s: „Das Gehirn.“ „Es ist unsere Schaltzentrale“, sagt Paul Lederer, selbst Vater von zwei Teenagern. „Unser Gehirn kann drei Minuten – so lange wie ein Popsong – ohne Sauerstoff überleben. Danach beginnt es abzusterben. Deshalb zählt jede Minute, in der wir helfen – nicht mit Ohrfeigen wie im Film (die 4a lacht, Anmerk.d.Red.) –, sondern mit vier einfachen Maßnahmen: Rufen, Prüfen, Drücken, Schocken.“ 

Richard kippt Claras Kopf nach hinten, hält sein Ohr an ihren Mund und legt eine Hand auf ihren Brustkorb. „Spürst Du etwas? Hebt sich ihr Brustkorb?“ Richard verneint die Fragen des Herzretter-Trainers. Clara atmet nicht mehr. Und nun? Paul Lederer zeigt Richard, wie man mit dem eigenen Gewicht das Brustbein und den Brustkorb von Clara so zusammendrückt, dass man mit seinen eigenen Händen die Pumpfunktion des Herzens ersetzen kann. Herzdruckmassage nennen das die Profis. Ein Kraftakt. Anstrengend für Richard. Um ihn anzufeuern, schmeißt Paul Lederer die Musikbox an und spielt „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees. Im Takt der Musik fällt es Richard leichter, Claras Brustkorb in die Tiefe zu drücken: Ah, ha, ha, ha, stayin' alive, stayin' alive. Ah, ha, ha, ha, stayin' alive …

Richard gibt alles. „Das geht ganz schön in den Rücken!“, sagt er keuchend. „Doch es fühlt sich gut an.“ Der Junge ist zwar am Ende seiner Kräfte, aber am Anfang einer neuen Erfahrung: Er kann selbst mehr tun als gedacht. Er hat die Stärke. Er hat den Willen. Er hat den Mut. 

Frühe Aufklärung wirkt – und rettet Leben

Auch Kinder können Leben retten. Davon ist Paul Lederer überzeugt. Der Theaterpädagoge ist für die Herzretter Leipzig im Einsatz und bringt Kindern und Schülern spielerisch Erste-Hilfe-Maßnahmen bei.

Auch Kinder können Leben retten. Davon ist Paul Lederer überzeugt.

Seit 2019 bringt der Verein Herzretter Leipzig Reanimationstrainings an Leipziger Schulen und Kitas – kostenfrei, altersgerecht und mit großer Wirkung. Mehr als 6.500 Kinder und Jugendliche wurden bisher schon zu kleinen Lebensrettern ausgebildet – ohne Zeigefinger, ohne Dogmen, ohne Wenn und Aber. Paul Lederer ist von Anfang an dabei: „Kinder sind neugierig, hilfsbereit – und sie verlieren in unseren Trainings schnell die Angst vor den Tabuthemen Tod, Schwäche und Hilflosigkeit.“

Die Herzretter wollen Handlungssicherheit und Mut vermitteln, statt Überforderung und Ohnmacht. Die Idee dahinter ist einfach – und gesellschaftlich relevant. Wer früh Zivilcourage lernt, traut sich auch als Erwachsener zu helfen. Die meisten Erwachsenen fühlen sich in Notfällen unsicher – oft, weil der letzte Erste-Hilfe-Kurs Jahre zurückliegt. In Ländern wie Dänemark wird Erste Hilfe ab der Schule unterrichtet. Dort zeigt sich: Frühe Aufklärung wirkt – und rettet Leben.

Schauspiel statt Schulbank

Besonders ist das Konzept der Trainings: Sie werden nicht von medizinischem Personal, sondern von speziell geschulten Schauspielern und Theaterpädagogen wie Paul Lederer durchgeführt. Sie holen die Kinder dort ab, wo sie stehen – mit Einfühlungsvermögen, Geschichten und Begeisterung.

Die Methodik wurde in Hamburg entwickelt, wo der Verein seinen Ursprung hat. Herzretter-Schulungen kombinieren kindgerechte Didaktik mit klaren Botschaften: Du darfst helfen. Du kannst helfen. Dafür braucht es keine medizinischen Vorkenntnisse – sondern nur den Willen, nicht wegzuschauen. Das Konzept wurde mehrfach ausgezeichnet und ist inzwischen auch in der Erwachsenenbildung aktiv: Ein Training in einem Unternehmen kann jeweils ein Training einer Schulklasse ermöglichen – ein solidarisches Modell. 

Paul Lederer zeigt an Clara Bernd, wie man den Defibrillator anlegt und aktiviert.

Paul Lederer zeigt an Clara Bernd, wie man einen Defibrillator anlegt und aktiviert.

In Leipzig wächst die Initiative stetig – getragen von einem kleinen, engagierten Team und einer großen Community – unter anderem der Leipziger Crowd und dem Gemeinwohlparlament Leipzig. Jede Klasse wird altersgerecht angesprochen, die Reaktionen der Kinder sind oft bewegend. „Viele erzählen, dass sie schon einen Notfall in der Familie erlebt haben“, berichtet Paul Lederer. Auch in der 4a ist das der Fall. „Mein Opa ist öfter aus dem Stand in Ohnmacht gefallen. Jetzt hat er einen Defibrillator eingesetzt bekommen, der seine Herzrhythmusstörungen reguliert“, erzählt Leon*. „Ich habe einen Defibrillator im Sportbad an der Elster gesehen“, ruft Ben* spontan. Und schon ist die Klasse beim nächsten Thema: Paul Lederer zeigt nämlich an Clara Bernd, wie man den Schockgeber anlegt und aktiviert.

Herzstillstand kann jeden treffen

Viele kennen die dramatischen Szenen, die sich bei der Fußball-Europameisterschaft 2021 abgespielt haben: Dänemark gegen Finnland, 43. Spielminute. Der dänische Nationalspieler Christian Eriksen bricht ohne Fremdeinwirkung auf dem Spielfeld zusammen. Plötzlicher Herzstillstand. Eriksen wird unmittelbar reanimiert – und so sein Leben gerettet. Acht Monate später steht er wieder auf dem Platz – mit einem eingebauten Defibrillator. 

Eriksen ist ein prominenter Fall, der das Thema Herz-Kreislaufversagen schlagartig einer großen Öffentlichkeit ins Bewusstsein rief. Doch jedes Jahr erleiden auch in Deutschland rund 120.000 Menschen zu Hause oder unterwegs einen Herz-Kreislaufstillstand. Nur jeder Zweite wird vor Ort von einem Ersthelfer reanimiert. 10.000 Todesfälle könnten jedes Jahr verhindert werden. Ersthelfer sind hierbei entscheidend, denn sie überbrücken mit einer sofortigen Herzdruckmassage die Zeitspanne bis zum Eintreffen des Notarztes und verhindern, dass das Gehirn bereits nach drei Minuten irreparablen Schaden nimmt. 

*die Namen aller Kinder sind aus Schutz ihrer Persönlichkeit geändert worden

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