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Losglück, Logik und Lösungen

von Simone Liss | 21.07.2026

Die Fernwärmetrasse von Leuna nach Leipzig wächst Meter um Meter. Gerade wird die unterirdische Querung der Autobahn 9 vorbereitet. Im September soll die Saale folgen. Im Oktober die Bahnstrecke Großkorbetha–Leipzig. Eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die Bauplanern, Bauleitern und Bau-Überwachern komplexe Koordinationsfähigkeiten abverlangt. Ein Baustellen-Besuch. 

Die Fernwärmetrasse von Leuna nach Leipzig aus der Vogelperspektive: Warum RE=FILL einen Knick in der Leitung hat, wird am Ende des Blog-Beitrags verraten.

Die Fernwärmetrasse von Leuna nach Leipzig aus der Vogelperspektive: Warum RE=FILL einen Knick in der Leitung hat, wird am Ende des Blog-Beitrags verraten.

Die Eckdaten von RE=FILL:

  • 19 Kilometer: Gesamtlänge der Fernwärmetrasse
  • 38 Kilometer: Gesamtlänge der Rohrleitungen (Vor- und Rücklauf)
  • 12 Meter: Länge eines Rohrstangensegments
  • 3.200 Rohrstangensegmente werden verlegt und verschweißt
  • mehr als 267.000 Kubikmeter Bodenaushub
  • rund 8.000 Einzelkomponenten (u.a. Bögen, Muffen, Absperrarmaturen, Leckage-Sensoren)
  • 17 Meter beträgt der Höhenunterschied zwischen Leuna und Kulkwitz – Umwälzpumpen halten den Wasserdruck aufrecht
  • 21 hochmoderne Wärmetauscher übertragen die Abwärme auf das vollentsalzte Heizwasser
An der Saale ist Bauingenieur Arno Schwamberger (l.) in seinem Element. Hier bespricht er mit Projektleiter Marcus Krüger die Flussquerung mittels Microtunneling.

An der Saale ist Bauingenieur Arno Schwamberger (l.) in seinem Element. Hier bespricht er mit Projektleiter Marcus Krüger die Flussquerung mittels Microtunneling.

An der Saale ist Arno Schwamberger in seinem Element. In der Saale-Stadt Halle ist er geboren. In der Saale hat er das Rettungsschwimmen gelernt. Auf der Saale ist er für die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft als Bootsführer, Zugführer und Katastrophenschützer im Einsatz. Er weiß, wie man mobile Deiche baut, Untiefen erkennt, Strömungen umschifft. Gefahrenabwehr ist sein Genius. Für seine Arbeit ein Gewinn. 

Der 28 Jahre alte Bauingenieur Netzinfrastruktur der Netz Leipzig – einer Tochter der Leipziger Stadtwerke – verbringt jede freie Minute an der Saale. Seit September 2025 auch viele Arbeitsstunden. Denn Schwamberger ist sogenannter Los-Verantwortlicher. Der Wahlleipziger betreut sechs von elf Querungs-Bauwerken des aktuell größten Infrastruktur-Projekts der Leipziger Stadtwerke in Mitteldeutschland: die Fernwärmetrasse RE=FILL (steht für „Nachfüllen“) von der TotalEnergies-Raffinerie Leuna nach Leipzig. Schwamberger hält Genehmigungsprozesse, Bauzeitenpläne, Budgets und Ressourcen und im Blick. 

Damit ist er eine Schlüsselperson eines 100-köpfigen A-Teams, das die Trasse in vier Bauabschnitten plant, baut und in Betrieb nimmt. Anfang 2028 soll es so weit sein. Damit das gelingt, ist das Vorhaben in 20 Baulose aufgeteilt. „Mit dieser Vergabetaktik können wir an vielen Stellen gleichzeitig bauen und schneller vorankommen. Die Trasse ist quasi im Fluss – eine Baustelle mündet in die nächste“, sagt Schwamberger.

Flüsse faszinieren und fordern Schwamberger zugleich. Ein Fluss folgt keiner Laune, sondern einer Logik – physikalischen Grundprinzipien wie der Schwerkraft, dem Weg des geringsten Widerstands und hydraulischer Geometrie. Über den Weg des geringsten Widerstands würde Schwamberger auch die 19 Kilometer lange Fernwärmetrasse führen wollen. Wäre da nicht die Saale. Und der Hochwasserdeich bei Goddula und vier andere außergewöhnliche Querungsbauwerke, „die mit ,Sie‘ angesprochen werden wollen“, wie Schwamberger augenzwinkernd sagt. Doch wie heißt es so schön: „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“. 

Minimalinvasives Bohren, elektrothermisches Vorspannen und Durchstrahlungsprüfung

Die Fernwärmetrasse von Leuna nach Leipzig wächst Meter um Meter. Auf 11,5 Kilometern Trasse wird bereits gebaut. 150 Meter Rohrleitungen werden aktuell pro Tag verschweißt.

Die Fernwärmetrasse von Leuna nach Leipzig wächst Meter um Meter. Auf 11,5 Kilometern Trasse wird bereits gebaut. 150 Meter Rohrleitungen werden aktuell pro Tag verschweißt.

Ingenieure wie Schwamberger sind Problemlöser. Wohin mit dem Grundwasser? Die Lösung: 14 Brunnen und eine Einleitungsleitung in den Persebach regulieren nun den Grundwasserspiegel. Die Vor- und Rücklaufrohre – wie bei einer Heizung – sollen sich im laufenden Betrieb möglichst wenig bewegen oder gar verrutschen? Die Lösung: elektrothermisches Vorspannen. „Man bringt die Leitungsrohre vor dem Verfüllen des Leitungsgrabens auf Betriebstemperatur. Dadurch dehnen sie sich aus. In diesem Zustand werden sie mit einer Sandauflast fixiert. Beim Abkühlen können sich die Leitungen nicht mehr zusammenziehen. Dadurch entstehen gezielte Vorspannungen, die spätere Wärmeausdehnungen im Betrieb ausgleichen und die Schweißnähte sowie Rohre entlasten“, erklärt Schwamberger. Und wie prüft man, ob die Schweißnähte dicht sind? „Mittels einer Durchstrahlungsprüfung, Ultraschall und einem Vakuum. Die Prüfingenieure des TÜV untersuchen bei unseren Querungen so jede einzelne Schweißnaht dreifach.“

Die Durchstrahlungsprüfung funktioniert wie eine Röntgenuntersuchung: Vergleiche mit minimalinvasiven Verfahren in der Medizin bieten sich auf der RE=FILL-Baustelle an. So hat Schwamberger gemeinsam mit dem Team des Generalplaners ECW und Fachexperten wie Bohrmeister Michael Hahn sowie Geologin Diana Wiedemann gemeinsam eruiert, wie sie die Vor- und Rücklaufrohre unter der Saale, der Autobahn 9 und dem Bahndamm so verlegen, dass sie Platz und Erdbewegungen sparen, Bäume und Lebensräume schützen, Staub- und Lärmbelästigung sowie Erschütterungen vermindern, unabhängig vom Wetter und präzise wie ein Chirurg bei einer Schlüsselloch-Operation agieren können. Die Lösung für das Paket an Herausforderungen: Microtunneling. 

„Das ist eine ferngesteuerte, grabenlose Vortriebstechnik zur Verlegung von Rohren. Von einer Startgrube aus schiebt eine hydraulische Presse einen Rohrstrang voran, an dessen Spitze ein Bohrkopf den Boden abbaut. Der Abraum wird hydraulisch oder per Schnecke abtransportiert, während die endgültigen Rohre direkt nachgezogen werden. Auf diese Weise geht’s in elf Metern Tiefe über 120 Meter bis zur Zielgrube.“

Debüt im Spezialtiefbau und Yoga für den Kopf

Arno Schwamberger betreut sechs von elf Querungs-Bauwerken des aktuell größten Infrastruktur-Projekts der Leipziger Stadtwerke in Mitteldeutschland: die Fernwärmetrasse RE=FILL (steht für „Nachfüllen“). Sie verbindet in Zukunft die TotalEnergies-Raffinerie Leuna mit Leipzig.

Arno Schwamberger betreut sechs von elf Querungs-Bauwerken des aktuell größten Infrastruktur-Projekts der Leipziger Stadtwerke in Mitteldeutschland: die Fernwärmetrasse RE=FILL (steht für „Nachfüllen“). Sie verbindet in Zukunft die TotalEnergies-Raffinerie Leuna mit Leipzig.

Eigentlich waren Schwambergers Studienschwerpunkte an der HTWK Leipzig Hochbau und Bauwerkserhaltung. Dass er jetzt im Spezialtiefbau „debütieren“ darf, empfindet er als Wertschätzung: „Für mich ist das Projekt ein Jackpot. Ich lerne beispielsweise viel vom Bohrspezialisten Michael Hahn und seiner bemannten und unbemannten Vortriebstechnik, die im Grundwasser und außerhalb des Grundwassers funktioniert. Das ist faszinierend. Im Studium war das alles graue Theorie. Mittlerweile habe ich ein anderes Verständnis von Pragmatismus und konstruktiver Zusammenarbeit. Wir finden gemeinsam mit dem Generalplaner ECW, mit Tunnelbauern und Polierern Lösungen – das ist sehr erfüllend“, sagt Schwamberger, der auch in seiner Freizeit baut – entweder an seinen sieben Fahrrädern, seinem selbstgebauten E-Lastenrad oder an den alten Holzdielen seiner Ausbauwohnung. „Handarbeit ist für mich wie Yoga – Yoga für den Kopf. Handwerkliche Arbeit hilft mir, den Kopf freizubekommen – von hunderten Seiten Leistungsverzeichnissen, Baugrundgutachten, hydrogeologische Gutachten, Rückbaukonzepten, Räumkonzepten, Protokollen.“

Auf Sand und Kies sind bereits 4,7 Kilometer Vor- und Rücklaufrohre gebettet. Sie verlaufen über die Felder bei Bad Dürrenberg in einem zwischen zweieinhalb und fünf Meter tiefen Graben – umrahmt von Böschungsflies, das in der Sonne glänzt. Das Rohr hat mit der Isolierung einen Außendurchmesser von 90 Zentimetern. Das Innenrohr hat eine Öffnungsweite von 70 Zentimetern. Bis Ende 2027 sollen 38 Kilometer Rohrleitungen eingebettet sein, die ab 2028 gut 38 Prozent des Wärmebedarfs der Stadt Leipzig abdecken sollen.

Der französische Konzern TotalEnergies betreibt am Chemiestandort Leuna eine der modernsten Raffinerien in Europa. Heiße Endprodukte wie Kerosin müssen dort bislang von etwa 130°C auf lagerfähige 30°C energieintensiv über Rückkühler abgekühlt werden, wobei die Wärmeenergie ungenutzt an die Umwelt abgeführt wird. Das soll sich ab 2028 mit der Inbetriebnahme von RE=FILL ändern. 

Über die Fernwärmetrasse wird die unvermeidbare Abwärme ganzjährig mit einer Leistung von bis zu 83 Megawatt in den Markranstädter Ortsteil Kulkwitz geleitet und dort ins bestehende Fernwärmnetz der Leipziger Stadtwerke eingespeist. Rein rechnerisch können so rund 100.000 Leipziger Wohnungen klimaschonend beheizt werden.

Der Baufortschritt zum 15. Juli 2026 auf einen Blick:

  • auf 11,5 Kilometern Trasse wird bereits gebaut
  • 4,7 Kilometer Trasse sind bereits fertiggestellt
  • 20 Kilometer Rohrleitungen sind angeliefert
  • 150 Meter Rohrleitungen werden aktuell pro Tag verschweißt

Wärmewende braucht neue Infrastruktur

Gerade wird die unterirdische Querung der Autobahn 9 vorbereitet. Eine ingenieurtechnische Meisterleitung, die Bauplanern, Bauleitern und Bau-Überwachern komplexe Koordinationsfähigkeiten abverlangt.

Gerade wird die unterirdische Querung der Autobahn 9 vorbereitet. Eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die Bauplanern, Bauleitern und Bau-Überwachern komplexe Koordinationsfähigkeiten abverlangt

In Halle an der Saale wird diese Entwicklung mit großem Interesse verfolgt: nicht nur von der Energiebranche und der Kommune – RE=FILL ist in Leipzig ein Baustein der kommunalen Wärmeplanung –, sondern auch von Privatleuten wie Schwambergers Vater. „Er ist von erneuerbarer Energie überzeugt und hat sein Haus mit Photovoltaik und Wärmepumpe ausgestattet. Nun freut er sich, dass er– im Vergleich zu Zeiten ihrer Ölheizung – viel weniger Verbrauchskosten für seine Wärmeversorgung aufbringen muss. Jetzt ist er gespannt, wie sich perspektivisch der Fernwärme-Ausbau und die -Preise in Leipzig entwickeln.“

„Für mich persönlich ist vorerst ein anderer Aspekt maßgeblich. Die Wärmewende braucht neue Infrastruktur. RE=FILL zeigt, dass Klimaschutz nicht nur neue Energiequellen, sondern auch leistungsfähige Netze und Leitungen erfordern – über Unternehmens- und Landesgrenzen hinweg“, sagt der junge Bauingenieur, der Tag für Tag zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt pendelt. Und an der Saale hellem Strande in seinem Element ist. 

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