Die Leipziger Gruppe engagiert sich auch außerhalb des Unternehmensverbundes für das Thema Inklusion: Jüngst ist mit Hilfe der Leipziger Crowd ein inklusives Zeitschriften-Projekt erfolgreich finanziert worden. Außerdem unterstützt die Leipziger Gruppe die Initiative „Inklusiv gewinnt“ – dank ihr treten am 16. Mai in Leipzig Athleten der Olympischen, Paralympischen, Deaflympischen und Special Olympics gemeinsam in Schwimm-, Fußball-, Baskettball- und Judo-Wettbewerben an.
Ein Leipziger mit Herz für Inklusion: Frank Pertzsch sagt Tschüss
von Simone Liss | 04.05.2026
Inklusion hat im Leitbild der Leipziger Gruppe einen festen Platz – nicht als Platzhalter, sondern als Arbeitsauftrag. Der Konzernschwerbehindertenvertreter der Leipziger Gruppe, Frank Pertzsch, zieht am Ende seines Arbeitslebens eine bemerkenswerte Bilanz und übergibt auf ein gut bestelltes Feld.
Frank Pertzsch zieht am Ende seines Arbeitslebens eine bemerkenswerte Bilanz und übergibt auf ein gut bestelltes Feld.
Frank Pertzsch zieht am Ende seines Arbeitslebens eine bemerkenswerte Bilanz und übergibt auf ein gut bestelltes Feld.
Im Wein liegt die Wahrheit. Sagt man. Frank Pertzsch liebt Wein – Riesling und Grauburgunder von der Mosel. Aber er braucht ihn nicht, um sich die Tatsachen schönzutrinken. Der 66 Jahre alte Konzernschwerbehindertenvertreter der Leipziger Gruppe zieht am Ende seines Arbeitslebens eine annehmbare Bilanz mit positivem Blick auf seinen Tätigkeitsschwerpunkt der vergangenen 16 Jahre: Inklusion. Im Leitbild der Leipziger Gruppe hat sie einen festen Platz – nicht als Platzhalter, sondern als Arbeitsauftrag.
„Wir reden nicht nur über Chancengleichheit, sondern tun konkret etwas für sie: mit barrierefreien Arbeitsplätzen, individueller Beratung und praktischer Hilfe. Präzise: Wir unterstützen unsere Kolleginnen und Kollegen unter anderem bei der Beantragung von Behinderungs- und/oder Pflege-Graden, Nachteilsausgleichen, Umschulungen, beruflicher Rehabilitation, bei der zielgerichteten Kommunikation mit Rentenversicherung und Agentur für Arbeit, Arbeitgebern und Führungsverantwortlichen. Wir haben aber auch den Arbeitsschutz, die Integration von Auszubildenden mit Handicap sowie die digitale Barrierefreiheit im Blick.“
Ein Leipziger mit Herz für Inklusion
Zuletzt hat Pertzsch einem jungen, herzkranken Kanalwerker geholfen, der mithilfe von gezielten Lehrgängen zum IT-Spezialisten qualifiziert worden ist: „Dieser Fall zeigt, dass ein beruflicher Perspektivwechsel immer möglich ist.“
Pertzsch und sein Team haben zuletzt 330 schwerbehinderte und gleichgestellte Beschäftigte in der Leipziger Gruppe vertreten und ihnen neue Perspektiven ermöglicht. Unter Pertzsch‘ Leitung ist eine Konzernbetriebsvereinbarung Inklusion entstanden, die deutschlandweit ihresgleichen sucht und 2019 mit dem Deutschen Betriebsrätepreis ausgezeichnet worden ist.
„Der Paradigmenwechsel der Leipziger Vereinbarung besteht darin, dass sie sich nicht auf einzelne Menschen mit Behinderung beschränkt, sondern es Aufgabe der Leipziger Gruppe ist, für eine Verwirklichung umfassender, gleichberechtigter und selbstbestimmter Teilhabe zu sorgen. Ziel der Inklusion ist es, dass Behinderung im betrieblichen Alltag keinen Unterschied macht. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass auf allen Arbeitsplätzen auch leistungsgewandelte Beschäftigte eingesetzt werden können“, so der Arbeitsforscher Prof. Dr. Erhard Tietel zur Begründung der Jury des Deutschen Betriebsrätepreises.
Pertzsch hinterlässt seiner Nachfolgerin ein gut bestelltes Feld. Aber auch neue Aufgaben beziehungsweise Denkanstöße. „Ich denke an Perspektivwechsel durch neue Erlebnis-Formate und Aktionen wie den DUOday, Wissenstransfer via E-Learning oder Barrierefreiheit durch Künstliche Intelligenz.“
Halt auf freier Strecke – privat wie beruflich
Der Ansatz in der Leipziger Gruppe konzentriert sich grundsätzlich auf die Ressourcen – also die Kompetenzen, die Qualifikationen und Stärken einer Person. „Ich hatte mal ein Gespräch mit einem Rollstuhlfahrer. Der hat gesagt: ,Ich habe schon Probleme gelöst, die Sie überhaupt nicht kennen‘. Er hat seine Problemlösungskompetenz, seine Fähigkeit im Umgang mit Enttäuschungen und Nicht-Können in den Mittelpunkt gestellt. Das hat mir gezeigt: Wenn wir auf den Bedarf gucken, den jemand hat, damit sie oder er ihre oder seine Fähigkeit einbringen kann, profitieren wir von Vielfalt“, so Pertzsch.
Die Konzernbetriebsvereinbarung Inklusion der Leipziger Gruppe hat das Ziel, die berufliche Zukunft aller Mitarbeiter des Konzerns abzusichern – auch bei einer negativen gesundheitlichen Entwicklung. Sie nimmt Chefs und Personalentwickler in die Pflicht, die Leistungen und Fähigkeiten sogenannter leistungsgewandelter Beschäftigter zu berücksichtigen. Sie soll bei der Wiedereingliederung, Arbeitsplatzgestaltung, Weiterbildung und Nachteilsausgleichen helfen.
Kerstin Schultheiß, Arbeitsdirektorin der Leipziger Gruppe, betont: „Inklusion wächst dort, wo persönliches Engagement ernst genommen und langfristig in Strukturen überführt wird. Als Arbeitgeber tragen wir die Verantwortung, diesen Weg weiterzugehen und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Teilhabe nicht vom Einsatz Einzelner abhängt, sondern im Arbeitsalltag selbstverständlich wird – gemeinsam, partnerschaftlich und verlässlich.“
„Nicht jede Behinderung ist sichtbar“
Gesundheit ist keine Garantie. Nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft gab es 2023 rund acht Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung in Deutschland. Davon waren 3,1 Millionen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren. Ein Teil von ihnen sind junge Menschen mit Behinderungen, die nach einer Erstausbildung in den Arbeitsmarkt einsteigen. Ihre Anzahl ist insgesamt gering. Ein weit größerer Anteil erwirbt eine Behinderung auf dem Lebensweg, überwiegend als Folge von Krankheiten.
Zu dieser Gruppe gehört Frank Pertzsch. Der ehemalige Kanalwerker der Leipziger Wasserwerke bekam im Jahr 2000 die erschütternde Diagnose: Morbus Crohn. Eine schwere Autoimmunkrankheit, die chronisch ist und den Darm dauerhaft schädigt. Für den 40-Jährigen damals wie ein Halt auf freier Strecke – privat wie beruflich. Mitten im Berufsleben Gefahr zu laufen, aufs Abstellgleis geschoben zu werden: unvorstellbar für den tatkräftigen, lebenslustigen Mann. „Mein Beispiel zeigt: Nicht jede Behinderung ist sichtbar. Das gilt für 75 Prozent aller Behinderungen. Inklusionsbedarf ist etwas sehr Persönliches, den man selbst erst einmal annehmen muss.“
Behinderung – ein Begriff im Wandel
Was unter einer „Behinderung“ zu verstehen ist, hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten stark verändert. Lange Zeit war der Begriff ausschließlich auf die inneren Strukturen eines Menschen und deren dauerhafte Schädigung, etwa durch eine Krankheit, begrenzt. Das Vorliegen einer Behinderung wurde als Abweichung von einem „vermeintlichen Normalzustand“ definiert.
Dieses Bild hat sich gewandelt. Seit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention, die von Deutschland 2009 unterzeichnet wurde, werden Barrieren in der Gesellschaft stärker betrachtet. Dies können zum Beispiel Strukturen sein, die Menschen mit Behinderungen bewusst oder unbewusst ausschließen, etwa Internetseiten der öffentlichen Verwaltung, die für Menschen mit einer Sehbehinderung auch unter Nutzung eines Screenreaders nicht vollständig nutzbar sind.
Seit dem 1. Januar 2018 lautet die in Deutschland verwendete Definition im neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) nach Paragraf 2 Absatz 1 wie folgt: „Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können.“
„Inklusion ist ein dickes Brett, das noch nicht durchbohrt ist“
Jetzt geht’s wirklich ins Grüne: Frank Pertzsch will sich nun seinem Garten und dem Anbau von Kiwibeeren, Weinbergpfirsichen, Wein und Rosen widmen.
Seit 1992 rufen jedes Jahr am 5. Mai zahlreiche Behindertenverbände zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von behinderten Menschen auf. Das Motto in diesem Jahr: „Menschenrechte sind nicht verhandelbar.“
Für Frank Pertzsch ist Inklusion „ein dickes Brett, das noch nicht durchbohrt ist“. „Es hat sich in den vergangenen Jahren für unsere Beschäftigten vieles zum Besseren gewendet, doch barrierefrei ist unser Arbeits- und Privatleben noch lange nicht. Hier sind Hartnäckigkeit und Langmut gefragt.“
Seinen Langmut trainiert Pertzsch in Zukunft in seinem Garten. „Der ist in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Ich baue Kiwibeeren, Weinbergpfirsiche, Wein und Rosen an – sie alle brauchen regelmäßige Zuwendung und Besonnenheit. Ebenso unsere pflegebedürftigen Eltern. Jetzt – im Ruhestand – haben meine Frau und ich die Chance, uns mehr Zeit zu nehmen für Dinge, die uns wichtig sind. Auch für ehrenamtliches Engagement. Denn das Thema Inklusion lässt mich nicht los.“ Es wird also eher ein Unruhestand als ein Ruhestand für Frank Pertzsch. Denn wie sagt man so schön: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.
Jetzt geht’s wirklich ins Grüne: Frank Pertzsch will sich nun seinem Garten und dem Anbau von Kiwibeeren, Weinbergpfirsichen, Wein und Rosen widmen.